Hochsensibilität: Wie alles angefangen hat

Über Hochsensibilität wird derzeit viel geschrieben – und das ist wichtig, um Informationen über das Thema bekannter zu machen, sowohl unter hochsensiblen wie auch unter nicht hochsensiblen Menschen, die es aber in ihrem Alltag mit hochsensiblen Menschen zu tun haben. Dabei dominieren Ratgeber und Erfahrungsberichte. Wie sieht es aber mit der Forschung zum Thema Hochsensibilität aus? Als Wissenschaftlerin, die selbst hochsensibel ist, finde ich es manchmal erschreckend, wie selten die Informationen zur Hochsensibilität, die in der Ratgeberliteratur verbreitet werden, tatsächlich auch durch Forschung abgesichert sind (Ausnahmen sind hier die Bücher von Elaine Aron). Und das ist schade, und zwar aus zwei Gründen. Denn erstens sind die vielen Informationen aus der Ratgeberliteratur nicht unbedingt belastbar, können also auch in die Irre führen. Und zweitens gibt es heutzutage durchaus Forschung zum Thema Hochsensibilität, die aber leider viel zu wenig bekannt ist. Aber woher soll man auch wissen, wo entsprechende Artikel zu finden sind, wenn man keine wissenschaftliche Ausbildung hat? Und oft sind Forschungsbeiträge auch nicht unmittelbar verständlich. Genau hier möchte ich mit meinem Blog ansetzen: In unregelmäßigen Abständen werde ich über einen Artikel oder eine Studie zum Thema Hochsensibilität berichten und erläutern, was die Ergebnisse eigentlich genau bedeuten.

Den Anfang möchte ich mit der Untersuchung machen, die auch am Anfang der Forschung zur Hochsensibilität steht, ja eigentlich sogar das Fundament für den Begriff der Hochsensibilität darstellt. Den Begriff der Hochsensibilität führen Elaine Aron und ihr Mann Arthur Aron im Jahr 1997 in die psychologische Fachliteratur ein. In diesem Jahr veröffentlichen sie einen Artikel in der renommierten Fachzeitschrift „Journal of Personality and Social Psychology“, wo sie insgesamt sieben Untersuchungen zum Thema Hochsensibilität darstellen. Auf diesen sieben Untersuchungen gründet sich der Fragebogen zur Hochsensibilität, den die meisten Hochsensiblen in der einen oder anderen Form vermutlich schon kennen. Hier soll es nun um die erste dieser sieben Untersuchungen gehen.

Diese erste Untersuchung ist eine Interviewstudie. Um zu verstehen, warum die Arons so vorgegangen sind, muss man sich zunächst in die frühen 1990er Jahre zurückversetzen. Natürlich hat es schon immer hochsensible Menschen gegeben – aber der Begriff der Hochsensibilität existierte noch nicht. Daher wusste man damals auch nichts über Hochsensibilität, außer vereinzelten Beobachtungen im Alltag und natürlich der Erfahrung mit eigenen Reaktionsweisen. Deswegen ging es den Arons mit ihrer ersten Untersuchung vor allem darum, überhaupt erst einmal zu verstehen, was Hochsensibilität ist und wie verschiedene Menschen ihre Hochsensibilität erleben. Interviews gelten in der Wissenschaft als eine gute Methode, wenn man mehr über ein Thema aus der Sicht der Betroffenen erfahren möchte. Ein Interview verläuft ähnlich wie ein Gespräch im Alltag. Allerdings ist es vom Thema her festgelegt und die Interviewerin hat schon einige Fragen vorbereitet.

Um Hochsensibilität besser zu verstehen, führte Elaine Aron also 2-3stündige Gespräche mit 39 Personen durch. Um Menschen dafür zu gewinnen, an ihrer Untersuchung teilzunehmen, suchte sie mit einer Anzeige gezielt entweder nach introvertierten Menschen (die beispielsweise die Gesellschaft von ein oder zwei anderen Personen der Gesellschaft einer ganzen Gruppe von Menschen vorziehen) oder nach Menschen, die sich leicht überstimuliert fühlen (etwa von einer lauten Umgebung oder von schockierenden Medienberichten). Sie fragte alle Teilnehmer/innen zunächst danach, was sie von der Beschreibung von Hochsensibilität in der Anzeige hielten und wie sie selbst ihre Hochsensibilität verstehen. Weitere Themenbereiche waren z.B.: Umgebungen, in denen sich die Befragten besonders gerne aufhalten; welche Filme sie mögen; ihre Kindheit; wie sie aufgewachsen sind; Beziehung zu den Eltern; Partnerbeziehungen; Kreativität; philosophische und religiöse Ansichten. Fragen zur Gesundheit wurden zwar bei den ersten Interviews gestellt, dann aber gestrichen. Leider machen die Arons in ihrem Artikel keine Angaben dazu, wie sie diese Gespräche ausgewertet haben. Man kann nur annehmen, dass sie die Interviews auf solche Themen hin durchgelesen haben, die von mehreren Interviewten genannt wurden. Aus diesen Themen entstanden dann die Fragen aus dem bekannten Fragebogen zur Hochsensibilität, z.B.: „Fühlen Sie sich von starken Sinneseindrücken schnell überwältigt?“; „Sind Sie gewissenhaft?“ (eigene Übersetzung) usw. Außerdem bat Elaine Aron die Teilnehmer/innen, zwei Fragebögen auszufüllen: das Myers-Briggs-Persönlichkeitsinventar (ein Persönlichkeitsfragebogen) und einen Fragebogen zum sog. Bindungsstil (darunter versteht man die Art und Weise, wie Menschen sich in engen persönlichen Beziehungen verhalten –welche Erwartungen sie an andere haben und wie sie auf andere reagieren).

Wer waren nun die Personen, die Elaine Aron für ihre Studie befragt hat, und warum ist das wichtig? 30 der 39 Teilnehmer/innen waren Studierende der Psychologie. Neun weitere Personen waren älter und wurden vor allem in der Kunstszene gesucht. Siebzehn waren Männer, 22 Frauen; die Altersspanne reichte von 18 bis 66 Jahre. Es sind also beide Geschlechter unter den Teilnehmenden gut vertreten, und auch verschiedene Altersgruppen sind vertreten. Allerdings handelt es sich bei den Teilnehmer/innen um Menschen aus ganz bestimmten Personengruppen, nämlich um Studierende der Psychologie und Künstler/innen. Das ist wichtig, weil Menschen aus diesen Gruppen nicht unbedingt mit Menschen aus anderen Personengruppen vergleichbar sind. Vielleicht erleben sie ihre Hochsensibilität auf eine Weise, die nicht in allen Punkten vergleichbar ist mit dem Erleben anderer hochsensibler Menschen. Wobei andererseits zu bedenken ist, dass Hochsensible sich vielleicht besonders zur Psychologie und zur Kunst hingezogen fühlen, so dass unter diesen Personen auch besonders viele hochsensible Menschen zu finden sind. Auch führten Elaine und Arthur Aron im Anschluss an diese erste noch sechs weitere Studien durch, in denen sie den Fragebogen einer großen Anzahl von Personen aus den verschiedensten Bevölkerungsgruppen vorlegten.

Wichtig ist auch, sich genau anzusehen, wen die Arons mit ihrer Anzeige angesprochen haben, nämlich introvertierte Menschen und Menschen, die sich schnell überstimuliert und überfordert fühlen. Elaine und Arthur Aron ging es einerseits darum, Hochsensibilität besser zu verstehen. Andererseits legten sie in ihrer Untersuchung aber auch ein ganz bestimmtes Bild von Hochsensibilität zu Grunde – ein Bild, bei dem vor allem die negativen Seiten der Hochsensibilität im Mittelpunkt standen. Wer hätte sich wohl auf ihre Anzeige hin gemeldet, wenn sie nach Menschen gesucht hätten, die sich durch ihr ästhetisches Empfinden auszeichnen, oder durch ihre Liebe zur Natur? Wie würde unser Bild von der Hochsensibilität heute aussehen, wenn Elaine Aron ihre Interviews vor allem mit solchen Menschen geführt hätte? Vielleicht ganz ähnlich – vielleicht würden aber auch die positiven und vitalen Seiten der Hochsensibilität stärker im Mittelpunkt stehen.

Der Fragebogen zur Hochsensibilität von Elaine Aron, wie wir ihn heute kennen, basiert also auf Interviews mit Personen, die einem ganz bestimmten Bild von Hochsensibilität entsprechen: dem Bild hochsensibler Menschen, die sich mit ihrer Hochsensibilität schnell überlastet fühlen. In der Tat ist dies auch eine Kritik an dem Fragebogen, der in der psychologischen Fachliteratur vorgebracht wurde – mehr dazu in einem künftigen Beitrag. An dieser Stelle lohnt es sich, zunächst einmal festzuhalten: Hochsensibel zu sein bedeutet nicht, dass man unter der eigenen Hochsensibilität zwangsläufig leiden muss. Es gibt vielleicht noch andere, vitalere Facetten von Hochsensibilität, die bisher noch nicht genauer erforscht sind.

Dieser Beitrag bezieht sich auf:
Aron, Elaine & Aron, Arthur (1997). Sensory-Processing Sensitivity and Its Relation to Introversion and Emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345-368.

5 thoughts on “Hochsensibilität: Wie alles angefangen hat”

  1. Wunderbar!
    Es freut mich sehr nun genaueres über die ursprünglichen Forschungen zu erfahren. Diese Blogs werden eine große Bereicherung sein und noch mehr über das Thema der Hochsensibilität aufklären. Vielen Dank für diese wertvollen Einblicke in Ihre Studien und Arbeiten, liebe Frau Prof. Dr. Schreier.

  2. Liebe Margrit Schreier,

    vielen Dank für diesen differenzierten Einblick in die Anfänge der HSP-Forschung.

    Was die positiven Erlebnisse von Menschen mit ihrer Hochsensibilität angeht, habe ich in meinem Buch „Zart im Nehmen – Wie Sensibilität zur Stärke wird“ (allerdings nicht wissenschaftlich) drei Menschen interviewt, die sich mit dem Konzept Hochsensibilität identifizieren, aber nicht darunter leiden und auch lange nichts von dem Konzept Hochsensibilität wussten … Sie haben schon sehr früh angefangen, regelmäßig Pausen einzulegen und ihre persönlichen Starkmacher in den Alltag integriert, was ich sehr spannend finde. Im Grunde haben sie sich die Freiheit genommen, sich – soweit es im Alltag möglich ist – ihre Bedürfnisse zu erfüllen und ihr Leben intuitiv so eingerichtet, dass sie nur selten in Überreizungssituationen kommen.

    Herzliche Grüße
    Kathrin Sohst

    1. Liebe Frau Sohst,
      auch Ihnen vielen Dank für das ermutigende Feedback. Das ist sehr spannend, was Sie über Ihre Interviewpartnerinnen schreiben. Mir ist auch im Alltag zum ersten Mal aufgefallen, wie sehr die negativen Aspekte von Hochsensibilität in der Literatur im Mittelpunkt stehen. Das war im Gespräch mit einer Freundin, die ich als ausgesprochen hochsensibel wahrnehme. Sie selbst war aber der Ansicht, sie sei nicht hochsensibel. Auf meine vorsichtige Nachfrage meinte sie: Ja, ihre Wahrnehmung sei sicher sehr intensiv, sie brauche den Rückzug usw. – aber sie leide nicht daran. Und nachdem ich einmal auf diesen Punkt aufmerksam geworden war, habe ich ihn wie erwähnt auch in der Literatur als Kritikpunkt an der bisherigen Ausarbeitung des HSP-Konzepts wiedergefunden.
      Mit herzlichen Grüßen
      Margrit Schreier

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