Weshalb Hochsensible ab und zu dem Alltag entschweben sollten

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich über eine Studie geschrieben, die zeigt, dass Hochsensibilität zwar mit gesundheitlichen Problemen einhergehen kann, dass hochsensible Menschen aber andererseits von gesundheitsfördernden Maßnahmen auch ‚mehr haben‘ als nicht hochsensible Menschen. Heute geht es um eine Untersuchung, bei der das Erleben einer ganz besonderen Art der Tiefenentspannung im Mittelpunkt steht: des sog. Floating. Beim Floating bzw. Schwebebad begibt man sich in eine Art Schwimmbecken oder große Wanne, die mit salzhaltigem Meerwasser gefüllt ist – so salzhaltig, dass es den Körper trägt. Man ‚schwebt‘ also in der Wanne, getragen vom Wasser. Das Bad ist abgedunkelt, man trägt Ohrstöpsel. Alle Sinnesreize sind ausgeblendet, und man konzentriert sich ganz auf das Schweben im Wasser. Das Floating erzeugt einen Zustand tiefster Entspannung. Die Entspannung ist so tief, dass man sogar andere Bewusstseinszustände erleben kann, wie in einem Traum oder auch unter Drogen.

Schon Elaine Aron vermutete, dass hochsensible Menschen über ein besonders reiches Innenleben verfügen, über eine ausgeprägte Intuition, dass sie besonders lebhafte Träume haben und auch offen sind für mystische Erfahrungen und in ihren Erfahrungen regelrecht aufgehen können. Sie hat diesen Aspekt der Hochsensibilität jedoch selbst nicht weiter untersucht. Drei Forscher/innen aus Schweden – Kristoffer Jonsson, Katarina Grim und Anette Kjellgren – sind genau diesem Gesichtspunkt in einer Untersuchung aus dem Jahr 2014 genauer nachgegangen und haben sich dabei das besagte Floating zunutze gemacht. Wenn Floating veränderte Bewusstseinszustände erzeugen kann, dann müssten Hochsensible solche Zustände beim Floating eigentlich auch besonders häufig und intensiv erleben. Genau diese Annahme haben sie in ihrer Studie überprüft.

An der Studie nahmen 57 Studierende der Psychologie an der Universität Karlstad in Schweden teil (Studierende der Psychologie müssen während des Studiums an einer gewissen Anzahl von Untersuchungen teilnehmen, damit sie nicht nur lernen, solche Untersuchungen selbst durchzuführen, sondern auch wissen, wie es sich anfühlt, Teilnehmer/in zu sein – deswegen werden viele psychologische Untersuchungen mit Studierenden der Psychologie durchgeführt). Alle Teilnehmer/innen füllten den HSP-Fragebogen von Aron und Aron aus. Demnach waren 20 der Studierenden hochsensibel, die übrigen 37 nicht hochsensibel.

Die Forscher/innen baten die Studierenden, vor dem Floating nicht nur den HSP-Fragebogen, sondern auch noch eine Reihe weiterer Fragebögen auszufüllen. Damit wurde erstens erfasst, wie sehr die Studierenden zu Ängstlichkeit und Depressionen neigten (weil die bisherige Forschung gezeigt hat, dass hochsensible Menschen eher ängstlicher sind und mehr zu Depressionen neigen als nicht hochsensible Menschen). In einem zweiten Fragebogen ging es darum, wie optimistisch Menschen der Welt begegnen (wobei ängstliche Menschen eher weniger optimistisch sein dürften). Ein dritter Fragebogen gab Auskunft darüber, ob ein Mensch manchmal mystische Erfahrungen hat; damit lässt sich die Vermutung von Elaine Aron testen, dass das mystische Erleben von hochsensiblen Menschen stärker ausgeprägt ist als das von nicht hochsensiblen. Und mit einem weiteren Fragebogen wurde erfasst, ob hochsensible Menschen tatsächlich stärker in ihrem Erleben aufgehen als nicht hochsensible.

Nachdem sie die Fragebögen ausgefüllt hatten, wurden die Studierenden zu einer Einzelsitzung im Schwebetank ins Labor eingeladen. Eine Sitzung dauerte 45 Minuten, in der die Studierenden, wie oben beschrieben, sich in einem abgedunkelten Raum vom Meerwasser tragen ließen; Geräusche wurden durch Ohrstöpsel ausgeblendet. Nach dem Floating füllten die Studierenden einen weiteren Fragebogen zu ihrem Bewusstseinszustand und möglichen veränderten Bewusstseinszuständen während des Floatings aus.

Die Forscher/innen konnten ihre Annahme bestätigen: In der Tat erlebten die hochsensiblen Studierenden während des Floatings im Vergleich zu den nicht-hochsensiblen Studierenden vermehrt veränderte Bewusstseinszustände, sahen also beispielsweise Farben oder hatten den Eindruck, dass ihre Gedanken sich verlangsamt hatten. Aber auch für die anderen Fragebögen ergaben sich interessante Zusammenhänge mit Hochsensibilität. So waren Hochsensible im Durchschnitt ängstlicher als Nicht-Hochsensible (neigten aber nicht stärker zu depressiven Gedanken und standen der Welt auch nicht mehr oder weniger optimistisch gegenüber). Außerdem bestätigte sich die Annahme von Elaine Aron: Hochsensible hatten häufiger mystische Erfahrungen als Nicht-Hochsensible und – und dies war der Punkt, in dem die hochsensiblen und die nicht-hochsensiblen Teilnehmer/innen sich am stärksten unterschieden – sie gingen deutlich stärker in ihrem Erleben auf und vergaßen dabei alles um sich herum.

Wie hängt das nun alles zusammen? Aus der Untersuchung geht das nicht direkt hervor, aber die Forscher/innen stellen einige Vermutungen auf. Hochsensible verarbeiten alle Arten von Eindrücken intensiver – Sinneseindrücke, Stimmungen, Gedanken. Dies führt, so die Forscher/innen, zu einer solchen Vielzahl von Eindrücken, dass hochsensible Menschen dadurch leicht aus dem Gleichgewicht geraten können – so dass sie z.B. ängstlicher sind als Nicht-Hochsensible. Ihre Fähigkeit, ganz in einer Erfahrung aufzugehen, kann dieses Ungleichgewicht sogar noch verstärken: Wer sich als hochsensibler Mensch gerade ängstlich fühlt, konzentriert sich beispielsweise umso mehr auf diese Angst – und erlebt sie folglich noch stärker.

Gerade die Fähigkeit, ganz in einer Erfahrung aufzugehen, können Hochsensible aber andererseits auch dazu nutzen, sich wieder zurück ins Gleichgewicht zu bringen. Das funktioniert dann, so die Forscher/innen, wenn es hochsensiblen Menschen gelingt, sich nicht auf die möglicherweise störenden Sinneseindrücke, Ängste oder beunruhigenden Gedanken zu konzentrieren, sondern auf – nichts. Oder auf nichts anderes als das Gefühl, schwerelos zu schweben, getragen vom Meerwasser im Schwebetank, und auf den Zustand tiefer Entspannung, den dieses Schweben erzeugt.

Hochsensible können sich also etwas Gutes tun, wenn sie es sich ab und zu einmal erlauben, im Wasser zu schweben (allerdings nur, das sei vorsichtshalber hinzugefügt, wenn enge Räume wie Fahrstühle o.ä. ihnen nichts ausmachen – wenn man an Klaustrophobie leidet, ist der Schwebetank ungeeignet!). Ich werde es auf jeden Fall ausprobieren und habe schon einmal im Netz geschaut, wo in ‚Bremen und umzu‘ man sich beim Floating schwerelos treiben lassen kann. Aber natürlich braucht es nicht zwingend einen Schwebetank, um einen Zustand tiefer Entspannung zu erzeugen (wenn vielleicht auch nicht ganz so tief). Die meisten von uns wissen, was für sie persönlich funktioniert, um dem Alltag für eine Weile zu ‚entschweben‘. Gönnen wir es uns ruhig öfter!

Bevor ich für heute zum Ende komme, noch etwas ganz anderes: Ganz herzlichen Dank für die ermutigenden und positiven Kommentare, die ich bisher zu diesem Blog bekommen habe. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Vor allem hat mich gefreut und überrascht, wie viel Interesse an dieser ‚Übersetzung‘ wissenschaftlicher Untersuchungen zum Thema Hochsensibilität besteht. Allerdings bin ich mir oft nicht sicher, ob es mir gelingt, die komplexen Untersuchungen zum Thema auch wirklich einigermaßen verständlich zu beschreiben. Nutzen Sie also gern die Kommentarfunktion, auch für kritische Anmerkungen und Nachfragen.

 

Dieser Beitrag bezieht sich auf:
Jonsson, Kristoffer, Grim, Katarina & Kjellgren, Anette (2014). Do highly sensitive persons experience more nonordinary states of consciousness during sensory isolation? Social Behavior and Personality, 42, 1495-1506.

5 thoughts on “Weshalb Hochsensible ab und zu dem Alltag entschweben sollten”

  1. für mich gehört Schwebebad zu den besten Entspannungsmöglichkeiten überhaupt, leider ziemlich teuer (und deshalb nur sehr selten zu genießen)

  2. Sehr geehrte Frau Schreier,

    vielen Dank für den erhellenden Artikel! Ich persönlich finde schon, daß Sie die Studien verständlich erklären. Als Laie erhofft man sich von psychologischen Forschungen vielleicht Erklärungen für das Unerklärliche, aber wenn man dann den Aufbau erläutert bekommt, erkennt man, daß nur ganz vorsichtige Schlußfolgerungen aus genau festgelegten Versuchsanordnungen gezogen werden. Mir gefällt das Bescheidene, aber Gültige daran.

    Persönlich finde ich es sehr wichtig zu betonen, welche Ressourcen Hochsensible haben. Ich habe leider auch erst kürzlich entdeckt, daß ich nicht nur in negativen Gefühlen aufgehen darf (!), sondern auch in positiven, und daß ich keine Angst davor haben muß, mir „etwas einzureden“ (denn, so gesehen, habe ich mir das negative Gefühl ja auch eingeredet). Leider dauern solche Erkenntnisprozesse furchtbar lang, und ich bin sehr froh, durch Artikel und Projekte wie Ihres auf die verschiedenen Aspekte der Hochsensibilität aufmerksam gemacht zu werden.

    Ich danke Ihnen!

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