Butterblumen, Tulpen und Orchideen: Was es mit den Nicht-Hochsensiblen auf sich hat

Neuanfang

Inzwischen ist es eine lange Zeit her, seit ich den letzten Beitrag zu diesem Blog geschrieben habe. Für mich war das eine sehr intensive und auch schwierige Lebensphase von Trauer und Verlust – eine Zeit, in der andere Dinge wichtiger waren als die Forschung zur Hochsensibilität und das Schreiben von Blog-Beiträgen. Aber allmählich kehrt wieder innere Ruhe ein und damit auch die Muße, mir anzuschauen, was meine Kolleginnen und Kollegen in den letzten Monaten zum Thema Hochsensibilität geforscht und veröffentlicht haben. In Zukunft habe ich vor, wieder einmal im Monat an dieser Stelle eine wissenschaftliche Studie zum Thema Hochsensibilität vorzustellen.

Hochkarätige Autor_innen

Diesmal bin ich auf eine ganz neue Studie vom Anfang dieses Jahres gestoßen, die ich Ihnen hier vorstellen möchte. Die Autor_innen sind hochkarätig: Elaine Aron und Arthur Aron sind daran beteiligt, ebenso Michael Pluess, der zeigen konnte, dass hochsensible Menschen nicht nur besonders empfänglich für negative Reize und für Überstimulation sind, sondern dass sie ebenfalls in besonderem Maß von positiven Reizen und einer positiven Umgebung profitieren.

Worum geht es?

Genau genommen haben die Autor_innen zwei verschiedene Untersuchungen durchgeführt. In einer ersten Studie untersuchen sie, ob Menschen entweder hochsensibel sind oder nicht – oder ob es verschiedene Ausprägungen von Sensibilität gibt. In ihrer zweiten Studie gehen sie der Frage nach, ob Menschen, die sich in ihrer Sensibilität unterscheiden, auch in anderen Persönlichkeitsmerkmalen verschieden sind. Genau genommen sind die Fragestellungen vor allem der ersten Studie noch einmal deutlich komplexer. Auf diese zusätzlichen Fragestellungen gehe ich aber zur besseren Verständlichkeit hier nicht ein. Wer möchte, kann diese Einzelheiten gerne in der Originalstudie nachlesen (s. Literaturangabe am Ende dieses Beitrags).

Butterblumen, Tulpen und Orchideen

An der ersten Untersuchung nahmen insgesamt 906 Personen teil. Alle füllten den HSP-Fragebogen aus, den Elaine und Arthur Aron entwickelt haben. Auf die Antworten wandten die Autor_innen nun ein statistisches Verfahren an (die sog. Latent Class Analysis), mit dem sich prüfen lässt, ob diese 906 Personen alle zu einer Gruppe gehören, oder ob die Antwortmuster nahelegen, dass die 906 Personen zu verschiedenen Gruppen gehören – und wie viele verschiedene Gruppen das sind. Weiterhin lässt sich prüfen, ob die gefundene Aufteilung vermutlich zufällig zustande gekommen ist, oder ob diese Aufteilung tatsächliche Gruppenunterschiede widerspiegelt.

Anders formuliert: Die Autor_innen haben untersucht, ob die Teilnehmer_innen eine große Gruppe bilden, wobei es zwischen mehr und weniger sensiblen Personen nur graduelle Unterschiede gibt – oder ob sich deutlich zwischen hochsensiblen und nicht hochsensiblen Menschen unterscheiden lässt. Weiterhin haben sie untersucht, ob unter den nicht hochsensiblen Menschen ggf. noch weitere Untergruppen existieren.

Der statistische Test ergab, dass die Teilnehmer_innen sich in drei verschiedene Gruppen unterteilen lassen. Die erste Untergruppe bestand aus den ca. 30% Personen mit den höchsten Werten im HSP-Fragebogen. Diese Gruppe, die die Autor_innen als ‚Orchideen‘ bezeichnen, entspricht den hochsensiblen Menschen. Die zweite Gruppe bestand aus den nächsten 40%, gemessen an den Werten auf der HSP-Skala. Hier handelt es sich um Menschen mit mittlerer Sensibilität, von den Autor_innen ‚Tulpen‘ genannt: Sie reagieren nicht so sensibel auf ihre Umwelt, wie Orchideen dies tun, sind aber auch nicht unverwüstlich. Die dritte Gruppe schließlich setzte sich aus den 30% der Teilnehmer_innen mit den niedrigsten Werten zusammen, von den Autor_innen als ‚Butterblumen‘ bezeichnet. Hierbei handelt es sich um Menschen mit niedriger Sensitivität, die auch durch ungünstige Umweltbedingungen nicht weiter beeinträchtigt werden.

Sensibilität, Neurotizismus, Extraversion

In ihrer zweiten Studie gehen die Autor_innen der Frage nach, ob diese drei Personengruppen sich lediglich im Hinblick auf ihre Sensibilität unterscheiden, oder ob sich auch weitere Unterschiede in Persönlichkeitsmerkmalen finden lassen. An dieser zweiten Studie nahmen 230 Personen teil, die eine Kurzform des HSP-Fragebogens ausfüllten.

Außerdem füllten sie noch einen Persönlichkeitsfragebogen aus, der die sog. ‚großen fünf‘ Persönlichkeitseigenschaften misst. Das sind die fünf Eigenschaften, die sozusagen die wichtigsten Persönlichkeitsunterschiede zwischen Menschen widerspiegeln, nämlich: Neurotizismus, Extraversion, Gewissenhaftigkeit, Offenheit und Verträglichkeit. In der Tat zeigten sich Unterschiede zwischen den drei Gruppen, und zwar im Hinblick auf Neurotizismus und Extraversion.

Unter ‚Neurotizismus‘ versteht man in der Psychologie eine Tendenz zu Gefühlsschwankungen und zu Verletzlichkeit. Alle drei Gruppen unterschieden sich klar in Bezug auf dieses Persönlichkeitsmerkmal. Die hochsensiblen ‚Orchideen‘ tendierten deutlich mehr zu Gefühlsschwankungen und dazu, sich verletzt zu fühlen, als die ‚Tulpen‘ und die ‚Butterblumen‘. Und die ‚Tulpen‘ wiederum neigten deutlich mehr zu Gefühlsschwankungen und zu Verletzlichkeit als die ‚Butterblumen‘.

‚Extraversion‘ bezeichnet in der Psychologie die Tendenz, aus sich herauszugehen, vor allem anderen Menschen gegenüber. Hochsensible Menschen wiesen in dieser Studie eine deutlich geringere Tendenz auf, aus sich heraus und auf andere Menschen zuzugehen als die ‚Butterblumen‘, also die Menschen mit gering ausgeprägter Sensibilität. Die ‚Tulpen‘ liegen auch hier zwischen den beiden Gruppen; die Unterschiede sowohl zu den ‚Orchideen‘ als auch den ‚Butterblumen‘ sind allerdings eher gering ausgeprägt und nur graduell.

Anfälligkeit für Stimmungen

Die Teilnehmer_innen an der zweiten Untersuchung nahmen außerdem an einem kleinen Experiment teil. Dabei wurden ihnen nacheinander zwei Videoclips gezeigt, wobei der eine Clip eine eher glückliche und positive, der andere eine eher traurige Stimmung vermittelte. Die Teilnehmer_innen wurden gebeten, jeweils vor und nach dem Anschauen der beiden Clips ihre Stimmung auf einem Fragebogen zu beschreiben. Mit diesem Teil der Studie wurde untersucht, wie stark die Personen in den drei Gruppen sich in ihrer Stimmung von den Videoclips beeinflussen lassen.

Zwar zeigte sich eine Tendenz dahingehend, dass hochsensible Menschen sich von beiden Videoclips stärker beeinflussen lassen als Menschen mit mittlerer oder gering ausgeprägter Sensibilität. Die Unterschiede zwischen den Gruppen waren aber nicht sehr ausgeprägt bzw. waren nicht, wie es in der Fachsprache heißt, statistisch signifikant.

Warum ist das wichtig?

Die Ergebnisse dieser beiden Studien sind in vielerlei Hinsichten wichtig. Erstens stellt sich im Alltag und in der Forschung immer wieder die Frage: Sind Menschen entweder hochsensibel oder nicht? Oder sind Menschen mehr oder weniger sensibel? Die erste Studie zeigt, dass sozusagen beides ein bisschen stimmt. Erstens kann man an den Werten der ersten 906 Teilnehmer_innen sehen, dass sie, wie es heißt, ‚normalverteilt‘ sind. Die Werte von hochsensiblen und weniger sensiblen Menschen auf der HSP-Skala gehen ineinander über. Es gibt keinen Einschnitt, keinen ausgeprägten Unterschied in den Werten zwischen hochsensiblen und weniger sensiblen Menschen. Zugleich aber zeigt die erste Untersuchung auch, dass Menschen sich an Hand ihrer Werte in hoch-, mittel- und gering sensible Menschen unterteilen lassen. Wenn es also auch keinen scharfen Bruch zwischen hochsensiblen und weniger sensiblen Menschen gibt, lassen sich doch klar drei Gruppen von Personen unterscheiden: hoch-, mittel- und gering sensible. Insofern kann man auch sagen, dass jemand entweder hochsensibel ist oder nicht.

Wenn man fragt, ob Menschen hochsensibel sind oder nicht, dann legt das implizit eine Unterscheidung zwischen hochsensiblen und nicht hochsensiblen Menschen nahe. Die erste hier vorgestellte Studie zeigt weiterhin, dass eine solche Unterscheidung in ‚hochsensibel oder nicht‘ zu kurz greift. Die Antwortmuster legen vielmehr drei Personengruppen nahe. Und das bedeutet, dass man unter den nicht hochsensiblen Menschen weiter unterscheiden muss zwischen den ‚Tulpen‘ und den ‚Butterblumen‘, denen mit mittlerer und denen mit gering ausgeprägter Sensibilität. Dabei weiß man vor allem über die ‚Butterblumen‘ bisher kaum etwas – obwohl es nahe liegt, dass eine besonders gering ausgeprägte Sensibilität genauso Vorteile als auch Herausforderungen mit sich bringt wie die Hochsensibilität dies tut. Wo hochsensible Menschen beispielsweise schnell überstimuliert und überreizt sind, mag es bei gering sensiblen Menschen besonderer Anreize bedürfen, bis sie überhaupt eine Reaktion auf ihre Umgebung zeigen.

Die zweite Studie zeigt schließlich, dass es sich bei der Unterscheidung zwischen ‚Orchideen‘, ‚Tulpen‘ und ‚Butterblumen‘ nicht ‚nur‘ um verschiedene Ausprägungen von Hochsensibilität handelt. Vielmehr gehen die unterschiedlichen Werte auf der HSP-Skala auch mit Unterschieden in anderen Persönlichkeitseigenschaften einher, wobei alle drei Gruppen sich in Bezug auf ihre Neigung zu Gefühlsschwankungen und Verletzlichkeit unterscheiden. Außerdem gehen hochsensible Menschen eher weniger aus sich heraus und auf andere zu, während gering sensible Menschen dies deutlich mehr tun. Wichtig ist hier vor allem, dass sich überhaupt Unterschiede in weiteren Persönlichkeitseigenschaften zwischen den drei Gruppen feststellen lassen. Wie diese im Einzelnen aussehen, dafür braucht es noch weitere Forschung.

Kurz: Wenn Sie es in der Zukunft mit nicht-hochsensiblen Mitmenschen zu tun haben, dann achten Sie einmal darauf, ob er oder sie wohl eher eine ‚Tulpe‘ oder eine ‚Butterblume‘ ist!

© Margrit Schreier

Dieser Beitrag bezieht sich auf:
Lionetti, Francesca et al. (2018). Dandelions, tulips, and orchids: evidence fort he existence of low-sensitive, medium-sensitive and high-sensitive individuals. Translational Psychiatry 8:24. DOI 10.1038/s41398-017-0090-6. https://www.nature.com/articles/s41398-017-0090-6

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