Ist Ihr Hund hochsensibel?

Worum es geht

Schon Elaine Aron hat betont: Hochsensibilität ist speziesübergreifend, findet sich also nicht nur beim Menschen, sondern auch bei anderen Lebewesen.

Aber woher genau will man das wissen? Der Fragebogen zur Erfassung von Hochsensibilität beim Menschen beinhaltet u.a. Fragen zum Reichtum des eigenen Innenlebens, zur Vermeidung von Gewalt in den Medien oder zur eigenen Gewissenhaftigkeit. Auf Regenwürmer, Forellen, Katzen oder Hunde lassen sich solche Fragen nur schwer anwenden. Wenn in der bisherigen Forschung davon die Rede ist, dass Hochsensibilität sich auch bei anderen Arten findet, dann stützt sich diese Behauptung daher nur auf Teilbereiche dessen, was wir unter Hochsensibilität beim Menschen verstehen– etwa die Tendenz, erst einmal weitere Informationen einzuholen statt gleich zu handeln (die Aktivierung des sog. Behavioral Inhibition System), oder Schreckhaftigkeit bei intensiven Reizen aus der Umwelt (der sog. Stellreflex).

Nun hat sich ein internationales Team von Forscher/innen daran gemacht, Hochsensibilität bei einer anderen Spezies genauer zu beschreiben und zu erfassen, nämlich beim Hund. Herausgekommen ist dabei ein Fragebogen zur Erfassung von Hochsensibilität bei Hunden. Diesen Fragebogen und die damit verbundenen Studien möchte ich Ihnen heute vorstellen.

Die Entwicklung des Fragebogens

Bei der Entwicklung ihres Fragebogens sind die Forscher/innen genauso vorgegangen wie einst Elaine und Arthur Aron bei der Entwicklung ihres Fragebogens zur Erfassung von Hochsensibilität beim Menschen: Sie führten zunächst Interviews durch, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, welche Verhaltensweisen hochsensible Hunde auszeichnen. Dabei sprachen sie mit 15 Hundebesitzer/innen aus dem Raum Basel. Mehrheitlich handelte es sich dabei um die Besitzer/innen von Hunden, die einem beruflichen Hundetrainer als möglicherweise hochsensibel aufgefallen waren.

Auf der Grundlage der Interviews stellten die Forscher/innen eine ganze Reihe von Sätzen zusammen, mit denen die Besitzer/innen ihre Hunde beschrieben, beispielsweise „Mein Hund reagiert stark auf Gerüche.“ Oder „Mein Hund ist sehr verschmust.“. Diese Sätze kombinierten sie mit Aussagen aus dem HSP-Fragebogen für Erwachsene sowie einem HSP-Fragebogen für Kinder. Dabei handelte es sich jeweils um Aussagen, die auch auf Hunde übertragbar waren (also nicht um Aussagen wie die Beispiele weiter oben zum reichen Innenleben).

Insgesamt ergaben sich so 112 Aussagen, die möglicherweise auf hochsensible Hunde besonders zutreffen. Alle diese Fragen legten sie 15 Besitzer/innen von vermutlich hochsensiblen Hunden vor sowie 10 Besitzer/innen von vermutlich nicht hochsensiblen Hunden. Ziel dieser Studie war es, diejenigen Aussagen zu identifizieren, denen die Besitzer/innen der vermutlich hochsensiblen Hunde deutlich stärker zustimmten als die Besitzer/innen der vermutlich nicht hochsensiblen Hunde.

Auf diese Weise konnten die Forscher/innen insgesamt 32 Aussagen identifizieren, mit denen sich hochsensible von nicht hochsensiblen Hunden unterscheiden lassen. Dazu gehören: „Mein Hund beobachtet alles, was um ihn herum geschieht.“; „Mein Hund hat Mühe damit, wenn ich ihn draußen warten lasse und mich außer Sichtweite begebe.“; oder „Mein Hund reagiert darauf, wenn wir zuhause streiten.“. Den vollständigen Fragebogen auf Deutsch und auf Englisch finden Sie in den Anhängen zum Original-Artikel.

Was taugt der Fragebogen?

Einen Fragebogen kann sich im Prinzip jede/r ausdenken. Das heißt aber noch längst nicht, dass der Fragebogen auch wissenschaftlichen Anforderungen genügt. Zum Beispiel könnte es ja sein, dass jemand heute seinen oder ihren Hund als schreckhaft empfindet, etwa zu Silvester (auch eine Aussage aus dem HSP-Fragebogen für Hunde), eine Woche später dagegen, unter ‚normalen‘ Umständen, nicht als besonders schreckhaft.

Um sicherzustellen, dass ein Fragebogen auch etwas taugt, wurden in der Wissenschaft sog. Gütekriterien entwickelt, die ein Fragebogen erfüllen muss. Dazu gehört vor allem, dass ein Fragebogen zuverlässig ist (die sog. Reliabilität) und dass er auch tatsächlich das misst, was er messen soll – hier also Hochsensibilität bei Hunden (die sog. Validität).

Um sicherzustellen, dass der Fragebogen auch tatsächlich zuverlässig ist, baten die Forscher/innen in einer zweiten, groß angelegten internationalen Studie insgesamt mehr als 2800 Hundebesitzer/innen, den Fragebogen nicht nur einmal auszufüllen, sondern nach sechs Monaten ein weiteres Mal. Dahinter steht die Überlegung: Wenn Hochsensibilität ein Persönlichkeitsmerkmal ist, dann sollte sie sich innerhalb von sechs Monaten allenfalls unwesentlich verändern. Wenn die Werte pro Hund nach sechs Monaten ganz anders ausfallen als bei der ersten Erfassung, dann stimmt mit dem Fragebogen etwas nicht. In der Tat war die Ähnlichkeit zwischen dem ersten Wert und dem Wert nach sechs Monaten (die sog. Korrelation) so hoch, dass der Fragebogen als zuverlässig bzw. über die Zeit hinweg stabil gelten kann.

Außerdem baten die Forscher/innen die Teilnehmer/innen, den Fragebogen zusätzlich von einer zweiten Person ausfüllen zu lassen, die den Hund ebenfalls gut kennt. Dahinter steht die Überlegung, dass die Einschätzung eines Hundes als hochsensibel im Großen und Ganzen unabhängig vom Beobachter sein sollte. Wenn nur die Besitzer/innen ihren Hund als hochsensibel einschätzen, dann stimmt mit dem Fragebogen ebenfalls etwas nicht. Auch hier zeigte sich, dass die Einschätzungen der Hunde durch die Besitzer/innen und durch dritte Personen nahe beieinander lagen. Auch in dieser Hinsicht kann der Fragebogen also als zuverlässig gelten.

Schließlich ist es wichtig, dass der Fragebogen auch tatsächlich Hochsensibilität erfasst – und nicht beispielsweise, wie ängstlich ein Hund ist. Um dies zu überprüfen, legten die Forscher/innen den Teilnehmer/innen nicht nur die Fragen vor, die dazu gedacht waren, die Hochsensibilität der Hunde zu erfassen. Sie stellten außerdem Fragen, die sich auf die Persönlichkeitsmerkmale ‚Ängstlichkeit‘ und ‚Neurotizismus‘ der Hunde bezogen. Dahinter steht die Überlegung, dass der Fragebogen nur dann wirklich die Hochsensibilität der Hunde misst, wenn die Fragen zur Hochsensibilität manchmal auch anders beantwortet werden als die Fragen zur Ängstlichkeit und zum Neurotizismus. Manche Hunde sind vielleicht hochsensibel und zugleich ängstlich veranlagt, andere dagegen nicht. Wenn Hunde, die gemäß dem neuen Fragebogen als hochsensibel beschrieben werden, immer auch als ängstlich und als neurotisch erscheinen, dann stimmt mit dem Fragebogen etwas nicht; dann misst er vielleicht Ängstlichkeit und Neurotizismus, nicht aber Hochsensibilität. Auch in dieser Hinsicht erfüllte der neue Fragebogen die Anforderungen. Zwar gab es Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen – hochsensible Hunde sind also eher auch ängstlich und neigen mehr zum Neurotizismus als nicht hochsensible Hunde (ähnliche Zusammenhänge haben sich auch beim Menschen finden lassen). Aber diese Zusammenhänge sind nicht übermäßig hoch, so dass man insgesamt davon ausgehen kann, dass der Fragebogen tatsächlich erfasst, wie hochsensibel ein Hund ist – und dass Hochsensibilität in der Tat ein Persönlichkeitsmerkmal von Hunden darstellt.

Schäferhunde sind öfter hochsensibel

Neben der Hochsensibilität, Ängstlichkeit und Tendenz der Hunde zum Neurotizismus bezogen die Forscher/innen noch eine Vielzahl anderer Faktoren in ihre Untersuchung ein und überprüften, ob sich Zusammenhänge mit der Hochsensibilität der Hunde feststellen ließen.

Ein solcher Faktor war beispielsweise die Hunderasse. In der Tat zeigen sich hier Unterschiede, wobei Schäferhunde die höchsten Hochsensibilitätswerte aufweisen. Auch zeigen sich bei Hunden in Deutschland höhere Werte als bei Hunden in England. Je älter ein Tier ist und je höher sein Gewicht, desto geringer die Hochsensibilitätswerte. Über die Gründe für diese Zusammenhänge kann man nur spekulieren – Erklärungen bieten die Forscher/innen nicht an.

Hochsensibler Mensch, hochsensibler Hund?

Weiterhin überprüften die Forscher/innen, ob sich Zusammenhänge zwischen der Hochsensibilität der Hunde und Persönlichkeitsmerkmalen oder Verhaltensweisen der Besitzer/innen feststellen lassen.

Als erstes stellt sich hier natürlich die Frage, ob hochsensible Menschen auch eher mit hochsensiblen Hunden leben. Und in der Tat besteht hier ein gewisser Zusammenhang: Hochsensible Menschen und hochsensible Hunde finden öfter zusammen, als man es per Zufall erwarten würde – allerdings ist der Zusammenhang nicht so hoch, wie man vielleicht gedacht hätte. Es gibt auch viele hochsensible Hunde, die mit nicht-hochsensiblen Menschen leben, und viele Menschen, die ihr Leben mit nicht-hochsensiblen Hunden teilen.

Menschen, die ihre Hunde ausschließlich mit Belohnung erziehen (ihre Hunde also nicht bestrafen) sowie Menschen, die viel Zeit aktiv mit ihren Hunden verbringen, leben ebenfalls häufiger mit hochsensiblen Hunden.

Was folgt daraus?

Die Untersuchungen zur Entwicklung des Fragebogens für hochsensible Hunde zeigen, dass Hochsensibilität in der Tat in einer anderen Spezies existiert – und zwar nicht nur bezogen auf den Umgang mit Sinnesreizen, sondern in einem umfassenderen Sinn als Persönlichkeitsmerkmal. Auch Hunde können hochsensibel sein! Die Forscher/innen zeigen außerdem, dass Hochsensibilität bei Hunden der Hochsensibilität bei Menschen durchaus ähnlich ist (und verschieden ist von z.B. Ängstlichkeit) und dass hochsensible Menschen und hochsensible Hunde gerne zueinanderfinden – wenn auch nicht so häufig, wie man vielleicht denken würde.

Falls Sie selbst Hundebesitzer/in sind: Laden Sie sich den Fragebogen herunter (Sie finden ihn in den Anhängen zum Originalartikel) und finden Sie heraus, ob auch Ihr Hund zu den Hochsensiblen zählt. Und wer weiß: Vielleicht macht sich das Forscher/innen-Team ja als nächstes daran, einen Hochsensibilitäts-Fragebogen für Katzen oder für Pferde zu entwickeln?

© Margrit Schreier

Dieser Beitrag bezieht sich auf:

Braem, Maya et al. (2017). Development of the “Highly Sensitive Dog” questionnaire to evaluate the personality dimension “Sensory Processing Sensitivity” in dogs. PLoS ONE 12(5): e0177616. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0177616

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