Wo Hochsensible gesundheitlich im Vorteil sind

Die meisten hochsensiblen Menschen wissen nur zu gut: Hochsensibilität kann wunderbar sein, etwa beim Anblick des frischen Grün bei einem Frühlingsspaziergang. Aber Hochsensibilität kann auch ganz schön anstrengend sein: wenn ein Termin sich an den nächsten reiht, wenn im Großraumwagen der Deutschen Bahn die Gespräche der Mitreisenden laut und deutlich überall zu hören sind, oder wenn sich in der Straßenbahn die Fußballfans drängeln. Solche Situationen erleben Hochsensible als puren Stress. Und Stress, insbesondere Dauerstress, schadet der Gesundheit. Es überrascht daher nicht, dass Hochsensibilität in vielen Untersuchungen mit gesundheitlichen Problemen in Zusammenhang gebracht wird. Hochsensibilität ist in dieser Hinsicht und in unserer Gesellschaft ein Risikofaktor.

Aber das muss nicht zwangsläufig so sein. In meinem ersten Beitrag vor zwei Wochen habe ich über die allererste Interviewstudie von Elaine und Arthur Aron geschrieben, die den Anfang der Forschung zur Hochsensibilität bildet. Heute möchte ich eine recht neue Untersuchung in den Mittelpunkt stellen, die Michael Pluess und Ilona Boniwell im Jahr 2015 veröffentlicht haben. Diese Studie ist eine meiner Lieblingsuntersuchungen zum Thema Hochsensibilität, weil sie nämlich zeigt, dass Hochsensibilität auch gesundheitlich ein Vorteil sein kann.

Bei ihrer Untersuchung gehen Michael Pluess und Ilona Boniwell von einer Annahme aus, die eigentlich ganz einfach und naheliegend ist. Und zwar vermuten sie, dass manche Persönlichkeitsmerkmale – wie z.B. Hochsensibilität – sozusagen zwei Gesichter haben: In manchen Situationen sind sie riskant und potenziell schädlich; hier stellen sie ‚Risikofaktoren‘ dar. In anderen Situationen dagegen können solche Persönlichkeitsmerkmale auch von Vorteil sein. Dieses ‚andere Gesicht‘ bezeichnen sie als ‚vantage sensitivity‘. Dieser Begriff kommt aus dem Englischen und lehnt sich an das englische Wort ‚advantage‘ an, also ‚Vorteil‘. Michael Pluess und Ilona Boniwell nehmen also an, dass solche ‚zweigesichtigen‘ Persönlichkeitsmerkmale wie Hochsensibilität den Menschen mit diesem Merkmal sozusagen auch einen Vorsprung vor anderen verschaffen können.

Wie haben sie diese Annahme nun überprüft? Belege dafür, dass Hochsensibilität einen Risikofaktor darstellt, gibt es schon zur Genüge – mit dieser Seite des zweigesichtigen Persönlichkeitsmerkmals haben sie sich also nicht befasst. Stattdessen haben sie sich ganz darauf konzentriert, zu testen, inwieweit Hochsensibilität tatsächlich auch von Vorteil sein kann. Unter den vielen Bereichen, in denen das möglicherweise der Fall ist, haben sie wiederum einen ausgewählt, nämlich Depression bei Schulkindern.

Durchgeführt haben Michael Pluess und Ilona Boniwell ihre Untersuchung an einer Mädchenschule in einem sozial benachteiligten Stadtteil in Ostlondon. Der Stadtteil war bekannt dafür, dass Schülerinnen hier häufiger als im Durchschnitt eine Depression entwickeln. Deswegen wurden an der Schule auch nicht einzelne Mädchen für eine Therapie ausgewählt, sondern es wurde für alle Schülerinnen eines Jahrgangs (166 Mädchen im Alter zwischen 11 und 12 Jahren) über vier Monate hinweg ein Programm namens SPARK durchgeführt. SPARK wurde speziell für Jugendliche entwickelt, und es kombiniert Elemente aus der Psychotherapie mit Strategien zur Stärkung der emotionalen und psychischen Widerstandskraft. Auf diese Weise kann es dazu beitragen, dass Depressionen gar nicht erst entstehen oder schon bestehende Depressionen gelindert werden. Das Programm besteht aus 12 einstündigen Sitzungen. Zur Durchführung kamen während der Unterrichtszeiten Psychologinnen und Psychologen zu den Schülerinnen ins Klassenzimmer.

Wenn Hochsensibilität gesundheitlich von Vorteil sein kann, dann würde das im Zusammenhang mit dieser Studie bedeuten, dass hochsensible Mädchen stärker von dem SPARK-Programm profitieren und nach der Durchführung weniger depressive Symptome aufweisen als nicht hochsensible Mädchen. Um festzustellen, ob dies tatsächlich der Fall ist, muss man zunächst einmal beides messen. Alle Mädchen des ausgewählten Jahrgangs füllten also erstens einen Fragebogen zur Hochsensibilität aus (dafür haben Michael Pluess und Ilona Boniwell den Fragebogen von Elaine Aron abgewandelt und auf 12 Fragen beschränkt) und zweitens einen Fragebogen, mit dem die typischen Symptome einer Depression erfasst werden.

Woher weiß man aber, ob die hochsensiblen Mädchen von dem Programm mehr profitiert haben als die nicht hochsensiblen? Das ist eine Frage des Vergleichs: Wen vergleicht man mit wem, und wann? Michael Pluess und Ilona Boniwell haben eine ganze Reihe solcher Vergleiche angestellt. Erstens haben sie die Symptome der besonders hochsensiblen und die der am wenigsten sensiblen Mädchen miteinander verglichen, und zwar direkt vor Beginn des Programms, direkt nach dem Ende des Programms sowie sechs Monate und 12 Monate nach Ende des Programms. Zweitens haben sie sich die Entwicklung der Symptome über die Zeit hinweg angesehen: Hatten die Mädchen nach Ende des Programms (und sechs und 12 Monate danach) tatsächlich weniger depressive Symptome als zu Beginn? Und drittens haben sie den Jahrgang der Mädchen, bei denen das SPARK Programm durchgeführt wurde, mit den Mädchen im Jahrgang darüber verglichen, bei denen kein SPARK Programm zur Anwendung kam. Das waren weitere 197 Mädchen, die ebenfalls beide Fragebögen ausfüllten, allerdings nur einmal.

Ein erstes Ergebnis der Studie klingt zunächst einmal entmutigend: Zwölf Monate nach Ende des SPARK Programms unterschieden sich die Mädchen in den beiden Jahrgängen nicht. Egal, ob sie am Programm teilgenommen hatten oder nicht – sie hatten ähnliche Symptome einer Depression. Das Bild ändert sich allerdings ganz erheblich, wenn man sich speziell die Gruppe der hochsensiblen Mädchen genauer anschaut. Unter denjenigen, die am Programm teilgenommen hatten, hatten die hochsensiblen Mädchen am meisten profitiert: Sie hatten zum Ende des Programms weniger depressive Symptome als am Anfang – und dieser Unterschied blieb auch sechs und sogar 12 Monate nach Ende des Programms bestehen. Außerdem hatten die hochsensiblen Mädchen nach der Teilnahme am Programm weniger depressive Symptome als die nicht hochsensiblen, sowohl aus demselben Jahrgang als auch aus dem älteren Vergleichsjahrgang. Das SPARK Programm hatte also durchaus die gewünschte Wirkung – allerdings ausschließlich bei den hochsensiblen Mädchen.

Für hochsensible Menschen sind das ausgesprochen ermutigende Ergebnisse. Natürlich sollte man die Kirche im Dorf lassen: Das ist eine einzelne Untersuchung, bezogen auf das Thema Depression. Aber dennoch zeigt die Studie, dass Hochsensibilität sich wie vermutet tatsächlich im Sinne einer ‚vantage sensitivity‘ als gesundheitlicher Vorteil auswirken kann. Hochsensible mögen in mancher Hinsicht mehr gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sein als nicht hochsensible Menschen. Aber ihre Hochsensibilität gibt ihnen anscheinend auch die Mittel an die Hand, eine gesundheitsfördernde Maßnahme zu ihrem Vorteil zu nutzen, sozusagen ‚mehr davon zu haben‘ und so ihre Widerstandskraft zu stärken. Wäre es nicht wunderbar, wenn das auch in anderen Bereichen so wäre? Nicht nur in der Psychotherapie, sondern auch bei der Meditation, beim autogenen Training, beim Yoga oder bei allem anderen, was uns gut tut? Probieren wir es aus!

 

Dieser Beitrag bezieht sich auf:
Pluess, Michael & Boniwell, Ilona (2015). Sensory-Processing Sensitivity Predicts Treatment Response to a School-Based Depression Prevention Program: Evidence of Vantage Sensitivity. Personality and Individual Differences, 82, 40-45.

5 thoughts on “Wo Hochsensible gesundheitlich im Vorteil sind”

  1. Ich möchte mich von ganzem Herzen für diesen tollen Beitrag bedanken. Wir, meine Psychologin und ich, suchen nach Informationen die mein eigenes Wohlbefinden angehen. Ich bin neugierig und hungrig nach dem Wissen was dieses Thema anbetrifft. Vielen vielen Dank.
    PS Ich denke auch oft sensible Menschen können zu viel, lernen zu schnell und sind durch ihre zarte innerliche Sensiblität oftmals überfordert und werden dann falsch verstanden. Dieses Empfangen von ( so nenne ich es) Stromimpulsen hat manchmal mit Traurigkeit zu tun oder mit zu viel Lärm usw. Nochmals herzlichen Dank.

  2. Liebe Frau Schreier,
    danke für diese tolle Info! Ich hoffe, es gibt bald mehr solcher Studien, die auch mal die Potentiale der Hochsensibilität untersuchen und somit aufdecken. Ich kann das ein Stück weit bestätigen: Ich bin selbst hochsensibel und mir macht Stress recht schnell etwas aus. In meiner Kindheit und Jugend war ich oft krank, aber mittlerweile hat sich mein Immunsystem (und ich) sehr gut stabilisiert. Im Vergleich zu anderen Menschen in meinem Alter (43 J.) stehe ich ganz gut da. Über die Jahre habe ich viele Methoden kennengelernt, die mich unterstützen, zum Beispiel Qi Gong, Meditationen und Atemübungen.
    Ich freue mich auf weitere Blogs von Ihnen!

    1. Herzlichen Dank für Ihre nette Rückmeldung! Bei mir war in den letzten Monaten so viel zu tun, dass ich nicht mehr zum Schreiben gekommen bin. Aber ich hoffe, dass ich den Blog bald wieder aufnehmen kann – und dann auch weitere Studien finde, die Mut machen. Weiter alles Gute für Sie!

  3. Liebe Frau Schreier,

    herzlichen Dank für diesen wunderbaren Artikel! Wenn man bedenkt, dass Hochsensibilität genetisch bedingt ist und wie hart die Evolution zuschlägt, muss es ja so sein, dass unsere Veranlagung extrem überlebensfähig ist. Allein die Tatsache, dass es uns gibt, beweist das schon! Denn die Menschheit hat so harte Zeiten durchgemacht, dass diese Genvariante sonst längst ausgestorben wäre…

    Herzliche Grüße,
    Anne-Barbara Kern

    1. Ganz herzlichen Dank fuer Ihre freundliche Rückmeldung, Frau Kern! Irgendwie ist sie mir im Februar zwischen die vielen Spams geraten – aber jetzt freue ich mich genauso darüber! Herzliche Grüße, Margrit Schreier

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