Bewegung tut gut – und Hochsensiblen ganz besonders

Worum es geht

Für hochsensible Menschen sind solche Studien besonders wichtig und interessant, die Wege aufzeigen, wie man das eigene Wohlbefinden verbessern kann. Hier möchte ich Ihnen eine Untersuchung zweier japanischer Autoren vorstellen, die gezeigt haben, dass regelmäßige körperliche Bewegung gerade bei hochsensiblen Menschen viel bewirken kann.

Bewegung tut gut

Es ist ein Allgemeinplatz, dass Bewegung wichtig ist und der Gesundheit gut tut. Dabei denken wir meist an die körperliche Gesundheit: Bewegung stärkt beispielsweise das Immunsystem, senkt den Blutdruck, führt zum Abbau von Fettzellen und steigert den Muskelaufbau.

Weniger bekannt ist dagegen, dass Bewegung auch für die psychische Gesundheit wichtig ist. Durch körperliche Bewegung wird die Ausschüttung von bestimmten Neurotransmittern angeregt (z.B. Serotonin und Dopamin) – das sind Botenstoffe, die die Kommunikation innerhalb unseres Nervensystems beeinflussen. Auf diesem Weg bewirkt regelmäßige körperliche Bewegung beispielsweise, dass Stressempfinden, Angstgefühle und auch Depression abnehmen.

Was hat Hochsensibilität mit psychischem Wohlbefinden zu tun?

Hochsensibilität ist zunächst einmal einfach nur ein Persönlichkeitsmerkmal und hat nichts mit Gesundheit, Krankheit oder mit psychischen Problemen zu tun. Aber wie viele Hochsensible aus Erfahrung wissen, kann Hochsensibilität anfällig für Stressempfinden machen. Das ist immer dann der Fall, wenn von der Umwelt mehr oder intensivere Reize ausgehen, als der hochsensible Mensch in diesem Moment verarbeiten kann. In einer solchen Situation kommt es zu dem bekannten Phänomen der Überstimulation. Überstimulation wiederum löst Stress aus, und chronischer Stress kann krank machen.

So wundert es dann auch nicht, dass es eine ganze Reihe von Untersuchungen gibt, die Zusammenhänge zwischen Hochsensibilität und dem Erleben von negativen Gefühlen nachgewiesen haben. So wurde mehrfach gezeigt, dass Hochsensibilität mit Gefühlsschwankungen, Verletzlichkeit, Ängstlichkeit, Depression und Stresserleben einhergehen kann.

Wichtig ist hier: einhergehen kann. Nicht jeder hochsensible Mensch fühlt sich gestresst, depressiv oder ängstlich. Und es gibt viele nicht hochsensible Menschen, die eine Depression oder Angstgefühle entwickeln. Und nicht alle Aspekte von Hochsensibilität machen gleichermaßen für solche Probleme anfällig. Die Fähigkeit beispielsweise, feine Unterschiede zu sehen, Kunst oder Natur zu genießen, kann durchaus zum Wohlbefinden hochsensibler Menschen beitragen.

Dennoch kann Hochsensibilität ein Risikofaktor sein, und deswegen macht es durchaus Sinn, sich Zusammenhänge zwischen Hochsensibilität und psychischen Wohlbefinden genauer anzuschauen – und folglich auch nach Möglichkeiten zu suchen, das Wohlbefinden hochsensibler Menschen zu fördern.

Was wurde gemacht?

An der Untersuchung nahmen 330 Studierende an einer japanischen Universität teil. Sie füllten die japanische Fassung des HSP-Fragebogens von Elaine und Arthur Aron aus (ja, es gibt eine japanische Fassung!) sowie einen weiteren Fragebogen, der depressive Tendenzen erfasst. Außerdem gaben sie an, wie häufig sie pro Woche Sport betrieben.

Die Autoren schauten sich zunächst an, ob es Zusammenhänge zwischen allen diesen Faktoren gibt – also zwischen Hochsensibilität, depressiven Tendenzen und der sportlichen Aktivität der Teilnehmer_innen. Im nächsten Schritt wandten sie ein statistisches Verfahren an, ein sog. Strukturgleichungsmodell. Damit lässt sich überprüfen, ob ein Faktor einen anderen beeinflusst – also zum Beispiel, ob Hochsensibilität einen Einfluss auf depressive Tendenzen hat. Außerdem zeigt das Verfahren, ob ein weiterer Faktor, etwa die sportliche Aktivität, die Beziehung zwischen zwei anderen Faktoren verändert – ob also beispielsweise ein Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und depressiven Tendenzen geringer ausfällt, wenn man einbezieht, wieviel Sport jemand treibt.

Auf die Bewegung kommt es an!

Zunächst einmal konnten die Autoren bestätigen, was auch schon andere vor ihnen gefunden hatten: Hochsensibilität geht mit einer Tendenz zu depressiven Verstimmungen einher. Das ist, wie oben schon gesagt, nur ein statistischer Zusammenhang. Nicht jeder hochsensible Mensch wird depressiv, und auch nicht hochsensible Menschen entwickeln Depressionen. Auch gilt dieser Zusammenhang nicht für alle Aspekte von Hochsensibilität. Zwecks besserer Verständlichkeit gehe ich auf diese Details hier nicht ein. Wer möchte, kann die Einzelheiten in dem Originalartikel nachlesen (s. Literaturangabe am Ende dieses Beitrags).

Außerdem zeigte sich, dass Hochsensibilität auch mit einer Tendenz zum ‚Sitzfleisch‘ einhergeht: Wer hochsensibel ist, bewegt sich weniger.

Das wichtigste Ergebnis der Studie allerdings lautet: Der Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Depression wird dadurch beeinflusst, dass hochsensible Menschen sich weniger bewegen. Anders ausgedrückt: Wenn hochsensible Menschen sich mehr bewegen und mehr Sport treiben, dann entwickeln sie im Schnitt auch nicht häufiger eine Depression als andere, nicht hochsensible Menschen.

Warum wirkt Bewegung mit Hochsensibilität zusammen?

Wie kommt es, dass sportliche Betätigung das Risiko hochsensibler Menschen, eine Depression zu entwickeln, sozusagen neutralisieren kann?

Genau weiß man das nicht. Die Autoren der Studie spekulieren, dass Menschen, die Sport treiben, das oft draußen oder umgeben von anderen Menschen tun. Damit ist ein Mensch, der Sport treibt, vielfältigen Reizen ausgesetzt. Vielleicht gewöhnen hochsensible Menschen sich auf diese Weise an ein ‚mehr‘ von Außenreizen und sind folglich nicht mehr so leicht überstimuliert. Gegenüber dieser Erklärung bin ich allerdings skeptisch. Denn viele hochsensible Menschen bewegen sich ja sowieso in einem Alltag, in dem sie vielfältigen Reizen aus der Umwelt ausgesetzt sind – da macht die Umgebung, in der Sport getrieben wird, letztlich keinen großen Unterschied.

Eine andere Erklärung könnte sein, dass Menschen, die viel Sport treiben, sich sozial besser eingebunden fühlen und auch darüber hinaus eine ganze Reihe an Eigenschaften entwickeln, die mit höherem psychischem Wohlbefinden verbunden sind. Vielleicht helfen diese sog. ‚life skills‘ hochsensiblen Menschen dabei, besser mit den Anforderungen des Alltags zurechtzukommen.

Auf ins Fitness-Studio?

Heißt das nun, dass Hochsensible möglichst schnell ihre Sporttasche packen und sich auf ins Fitness-Studio machen sollten?

Hier mahnen die Autoren der Studie zur Vorsicht und geben zu bedenken, dass hochsensible Menschen ja die verschiedensten Reize intensiv wahrnehmen und verarbeiten. Dazu zählt beispielsweise der eigene beschleunigte Herzschlag beim Cardio-Training genauso wie die verschwitzte Nähe der anderen Teilnehmer_innen im BOP-Kurs.

Sollten Hochsensible sich also viel bewegen? Unbedingt. Das heißt aber nicht, dass jede Art der sportlichen Betätigung für Hochsensible gleichermaßen gut geeignet ist. Hier fehlt es allerdings noch an weiterführender Forschung. Bei der Wahl einer geeigneten Sportart sollten Hochsensible daher gut auf ihren inneren Kompass hören. Schnelles Gehen in schöner Umgebung ist hier möglicherweise effektiver und wohltuender als der Workout im gut besuchten Fitness-Studio.

© Margrit Schreier

Dieser Beitrag bezieht sich auf:

Yano, Kosuke & Oishi, Kazuo (2017). The relationships among daily exercise, sensory-processing sensitivity, and depressive tendencies in Japanese university students. Personality and Individual Differences, 127, 49-53.

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